Juli 2009
EU-Bericht: Frauen in der Forschung benachteiligt
Nur 16 Prozent der deutschen Professuren von Frauen besetzt
Lutz Möller
In Europa bestehen weiterhin Nachteile für Frauen in der Forschung. Dies ist das Ergebnis einer EU-Studie, die am 2. Juli in Berlin erstmals in Deutschland vorgestellt wurde bei einer gemeinsamen Veranstaltung der "European Platform for Women Scientists", der Deutschen UNESCO-Kommission, L’Oréal Deutschland und der Christiane Nüsslein-Volhard-Stiftung.

- Foto © DUK / L'Oréal
Die Studie "The gender challenge in research funding" vergleicht europaweit Forschungsförderpolitik und –maßnahmen unter Gleichstellungsaspekten. Sie kommt zu dem Schluss, dass sich der Erfolg der Forschungsanträge von Wissenschaftlerinnen zwar nicht deutlich unterscheidet von dem ihrer männlichen Kollegen. - Im Schnitt waren es zum Beispiel bei der DFG 2007 fünf Prozentpunkte, dies variiert jedoch von Jahr zu Jahr. - Jedoch darf die "Erfolgsrate" nicht isoliert als Indikator für die Fairness von Antragsverfahren betrachtet werden.
Erstens unterscheidet sich der Erfolg von Disziplin zu Disziplin. Zweitens ist die Anzahl der Forschungsanträge von Wissenschaftlerinnen viel geringer als die ihrer Kollegen: Beim DFG-Normalverfahren 2004 stellten Frauen in den Naturwissenschaften weniger als 9 Prozent der Anträge, in den Geisteswissenschaften weniger als 25 Prozent. Frauen beantragen im Schnitt deutlich niedrigere Beträge als ihre Kollegen. Hinzu kommen weitere Faktoren. In der Summe betrachtet wird deutlich, warum Wissenschaftlerinnen sich weiterhin so schwer tun, in die höchsten Positionen der Forschung durchzustoßen.

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Für Deutschland sind diese Zahlen zwar seit langem bekannt, durch die EU-Studie wird jedoch erstmals ein EU-weiter Vergleich möglich. Wichtige Forderungen der Autorinnen und Autoren der Studie sind, Frauen zu mehr Forschungsanträgen zu motivieren, den Frauenanteil in den Gremien der Forschungsförderorganisationen zu erhöhen (den "Gatekeepern") und die Transparenz in der Forschungsförderung weiter zu steigern.
Zwei Autoren der Studie waren auf der Veranstaltung in Berlin präsent: Rossella Palomba vom Nationalen Forschungsrat Italiens und Thomas Hinz von der Universität Konstanz. Vor etwa hundert Besucherinnen und Besuchern der Veranstaltung setzten sie sich auch kritisch mit den Ergebnissen der Studie auseinander. Sie bedauerten das eingeschränkte Mandat der Expertengruppe, das es vor allem nicht ausreichend erlaubt habe, sich kritisch mit dem Schlüsselbegriff der "wissenschaftlichen Exzellenz" zu beschäftigen. "Exzellenz" gelte zwar zu Recht als Leitbild für die heutige Forschung, als Kriterium für die Entscheidung über Forschungsanträge sei jedoch eine Operationalisierung nötig, wobei dann meist Forschungserfolge in der Vergangenheit im Vordergrund stehen - was auch Konsequenzen für die Chancengleichheit habe.

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Rossella Palomba lobte die Gleichstellungspolitik in der Forschung in den Niederlanden, der Schweiz und in Finnland, die konkrete Ziele für den Anteil von Forscherinnen an Anträgen formuliert haben. Sie kritisierte hingegen, dass viele Verfahren zur Rekrutierung von Ausschussmitgliedern bei Forschungsförderorganisationen sehr intransparent seien. Als Fazit stellte sie fest, dass in Europa außergewöhnliche Forscherinnen zwar erfolgreich seien – aber nur genauso erfolgreich wie eher durchschnittlich begabte Forscher. Die Studie von Christine Wennerås and Agnes Wold von 1997 ( Link), derzufolge Frauen etwa doppelt so viel publizieren müssen wie Männer, um den gleichen Erfolg zu haben, gelte weiterhin.
Thomas Hinz stellte das Schema vor, nach dem die Expertengruppe die europäischen Länder gruppiert hatte: solche mit einem gesamtgesellschaftlich hohen Problembewusstsein für das Gender-Thema (und solche wo dies nicht der Fall ist) und solche mit niedrigem (und solche mit höherem) Frauenanteil in der Forschung. In Deutschland ist das Problembewusstsein vorhanden, aber der Frauenanteil in der Forschung außergewöhnlich niedrig: Frauen stellten 2007 gerade einmal 16 Prozent der Professuren und nur 11 Prozent der hochwertigsten akademischen Stellen, der C4/W3-Stellen. Anträge stellen Frauen im Schnitt in jüngerem Alter und mit niedrigerem akademischem Rang. Gerade junge Forscherinnen unterstellten Förderorganisationen wie der DFG diskriminierende Verfahren, was sie von Anträgen zusätzlich abhalte. Gerade diese Personengruppe müsse überzeugt werden, mehr Anträge zu stellen. Die Exzellenzinitiative und vergleichbare neue koordinierte Programme beurteilte Thomas Hinz als zwiespältig unter Gender-Gesichtspunkten. Sie führten auf der Ebene der Universitäten zu neuen, intransparenten Entscheidungsprozessen.
Die Veranstaltung zur Vorstellung des EU-Expertenberichts fand im Vorfeld der Konferenz des CEWS ( www.cews.org) und des BMBF zum Thema "Frauen für die Stärkung von Wissenschaft und Forschung" statt. Im Rahmen dieser Konferenz wurden auch zum dritten Mal die Förderpreise "For Women in Science" der DUK, L'Oréal Deutschland und der Christiane Nüsslein-Volhard-Stiftung verliehen.
unesco heute online • Redaktion: Dieter Offenhäußer / Kurt Schlünkes
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