Juli 2009
Die 13 neuen UNESCO-Welterbestätten
Von Friederike Johnigk und Kurt Schlünkes
Das Welterbekomitee der UNESCO hat auf seiner 33. Tagung vom 22. bis 30. Juni 2009 in Sevilla 13 Stätten neu in die Liste des Welterbes aufgenommen. Davon gehören elf zum Kulturerbe und zwei zum Naturerbe. Erstmals sind Burkina Faso, Kap Verde und Kirgisistan in der Liste vertreten. Die UNESCO-Liste des Welterbes verzeichnet aktuell 890 Stätten in 148 Ländern.
Die zwei neuen Naturerbestätten
Deutschland/Niederlande: Das Wattenmeer ist eines der größten gezeitenabhängigen Ökosysteme der Erde mit einer außerordentlichen Artenvielfalt. Es ist Lebensraum für rund 10.000 Tiere, Pflanzen und Kleinlebewesen. Jedes Jahr rasten zehn bis zwölf Millionen Zugvögel im Wattenmeer. Kein anderes Gebiet der Erde hat eine größere zusammenhängende Sand- und Schlickfläche. Die Möglichkeit, dieses Gebiet bei Ebbe zu Fuß zu durchwaten, hat dem Wattenmeer seinen Namen gegeben. In die Welterbeliste wurden das niederländische Wattenmeer-Schutzgebiet und die deutschen Wattenmeer-Nationalparks Niedersachsens und Schleswig-Holsteins aufgenommen.
Italien: Die Dolomiten gehören zu den schönsten Berglandschaften der Alpen. Die 18 Gipfel sind bis zu 3.000 Meter hoch, die Formen der Kalksteinfelsen gelten als weltweit einzigartig. Das Gebirge hat steile Felswände, scharfe Klippen und viele enge und tiefe Schluchten. Die Dolomiten veranschaulichen, wie sich die Erde im Zeitalter Mesozoikum vor rund 250 Millionen Jahren entwickelt hat. Zum Welterbe wurden neun Gebiete in den norditalienischen Alpen erklärt mit einer Gesamtfläche von fast 142.000 Hektar.
Die elf neuen Kulturerbestätten
Belgien: Das Palais Stoclet in Brüssel, das von 1905 bis 1911 erbaut wurde, gilt als Meisterwerk der Wiener Secession, einer Werkstätte von bildenden Künstlern. Der Entwurf im "Wiener Jugendstil" stammt von dem Architekten Josef Hoffmann, dem Gründer der Wiener Werkstätte. An der Innengestaltung waren unter anderem Gustav Klimt und Kolo Moser beteiligt. Das Palais ist ein Gesamtkunstwerk: Architektur, Innenausstattung und Garten bilden ein harmonisches Konzept. Es hatte maßgeblich Einfluss auf die moderne Architektur und die Entstehung des Art Deco.
Erstmals wurde eine Kulturstätte aus Burkina Faso in die Welterbeliste aufgenommen: Die Ruinen von Loropéni sind Zeugnisse der Macht und des Einflusses, die der afrikanische Goldhandel zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert in den Ländern der Sahara erlangte. Mit ihren bis zu sechs Meter hohen, imposanten Steinmauern sind sie das am besten erhaltene Beispiel befestigter Siedlungen dieser Art in Westafrika. Ein Großteil der Ruinen ist noch nicht ausgegraben.
China: Die Kulturlandschaft Mount Wutai liegt in der nordchinesischen Provinz Shanxi. In der Gebirgsregion zeigen 53 gut erhaltene Klosteranlagen, wie sich der buddhistische Tempelbau vom 1. Jahrhundert bis zum frühen 20. Jahrhundert entwickelt hat. Der älteste Tempel ist der Foguang-Tempel aus der Zeit der Tang-Dynastie. Der Shuxiang-Tempel mit seinen rund 500 Statuen gehört zu den wertvollsten Kunstschätzen der Ming-Dynastie. Der Mount Wutai ist mit seinen fünf Gipfeln ein "heiliger Berg" der Buddhisten und bis heute ein Zentrum für Pilger in ganz China.
Großbritannien (Wales): Das Pontcysyllte-Aquädukt und der 18 Kilometer lange Pontcysyllte-Kanal wurden Anfang des 19. Jahrhunderts erbaut und gehören zu den besten technischen Entwicklungen am Beginn der Industrialisierung. Der Ingenieur Thomas Telford entwarf das 38 Meter hohe und 313 Meter lange Aquädukt. Er kombinierte gusseiserne und steinerne Bauelemente und schuf so eine standfeste Wasserbrücke mit gleichzeitig eleganten Bögen. Die Architektur des Aquädukts ist beispielhaft für die Innovationen der industriellen Revolution in Europa.
Iran: Das historische Hydraulik-System der Stadt Shushtar im Südwesten des Irans galt bereits zur Blütezeit der Perser als Weltwunder. Das System aus Brücken, Dämmen, Kanälen und Wassermühlen diente der Landgewinnung. der Bewirtschaftung und der Bewässerung von Obstplantagen. Es ermöglichte der Stadt Shushtar in der wüstenähnlichen Region, sich wirtschaftlich zu entwickeln. Das Wassersystem ist seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. durchgängig in Betrieb und bis heute vollständig erhalten.
Kap Verde: Im späten 15. Jahrhundert wurde die Kolonialstadt Ribeira Grande, heute Cidade Velha, auf der kapverdischen Insel Santiago von den Portugiesen gegründet. Es war die erste europäische Kolonialstadt in den Tropen und ein Zentrum des transatlantischen Sklavenhandels. Heute ist Cidade Velha ein kleines Fischerdorf. Das ehemalige Tal der Sklaven wird landwirtschaftlich genutzt, angebaut werden Zuckerrohr, Kokosnüsse und Mangos. Ribeira Grande ist die erste Welterbestätte auf den kapverdischen Inseln.
Kirgisistan: Seit mehr als 1500 Jahren gilt der Berg Sulamain-Too für islamische und vorislamische Glaubensrichtungen als Heilige Stätte. Der Sulamain-Too, der nahe der Stadt Osh an der Seidenstraße liegt, ist beispielhaft für die Traditionen der Berganbetung. Hiervon zeugen Höhlenmalereien, Moscheen und Kultstätten, von denen 17 heute noch genutzt werden. Der Besuch dieser spirituellen Orte verspricht die Heilung von Krankheiten und ein langes Leben. Der Sulamain-Too repräsentiert das Idealbild eines Heiligen Berges und ist die erste Welterbestätte in Kirgisistan.
Republik Korea (Südkorea): Die Königsgräber der Choson-Dynastie umfassen 40 Ruhestätten, die nach der Geomantik - der Lehre von Harmonie zwischen Mensch und Natur - konzipiert wurden. Während der konfuzianischen Choson-Dynastie (1392-1910) hatte sich eine ausgeprägte Tradition der Ahnenverehrung entwickelt, die sich besonders deutlich in der Gestaltung der königlichen Grabanlagen widerspiegelt. Nach dem Prinzip "Pungsu" ("Wind und Wasser") wurden die Herrscher an Orten von herausragender Schönheit begraben, mit dem Rücken zu einem Hügel liegend und mit einem nach Süden zum Wasser ausgerichteten Blick.
Peru: Die Heilige Stadt Caral-Supe, nördlich von Lima in den Zentralanden gelegen, ist die älteste Stadtsiedlung auf dem amerikanischen Kontinent. Sie entstand vor rund 5000 Jahren und gilt damit als das erste Zentrum der amerikanischen Zivilisation. Die über 600 Hektar große archäologische Stätte ist außergewöhnlich gut erhalten. Wie keine andere der 18 im Supetal gelegenen Fundstätten zeigt Caral ein authentisches Stadtbild in meisterhaftem architektonischem Design. Pyramiden, Tempel und Paläste veranschaulichen Macht und Einfluss der religiösen Weltanschauung.
Schweiz: Die beiden Städte La Chaux-de-Fonds und Le Locle im Kanton Neuenburg sind seit dem frühen 19. Jahrhundert Zentren der Schweizer Uhrenindustrie. Mit Beginn dieses Industriezweiges wurde die gesamte Stadtplanung auf die Produktion und das Leben der Handwerker ausgerichtet. Davon zeugt das Stadtbild bis heute: Wohnungsbau, Ateliers und später Fabriken sind entlang der Straßen gewachsen und bilden ein riesiges Schachbrettmuster mit einer ganz speziellen Atmosphäre.
Spanien: Der Torre de Hércules (Herkulesturm) an der Hafeneinfahrt von La Coruña wurde Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. von den Römern gebaut. Er ist der einzige römische Leuchtturm, der noch in Betrieb ist.
Drei Erweiterungen
Drei Welterbestätten wurden erweitert. Aus Frankreich wurden zusätzlich zu den Königlichen Salinen von Arc-et-Senans, die seit 1982 auf der UNESCO-Liste verzeichnet sind, die Großen Salinen von Salin-les-Bains in die Liste aufgenommen.
Die Naturerbestätte Tubbataha-Riff auf den Philippinen wurde ebenfalls erweitert. Zusätzlich zum "Marinepark Korallenriff Tubbataha", der seit 1993 zum Welterbe zählt, wurde der umgebende Naturpark als Schutzzone ausgewiesen und die Fläche des Welterbegebiets damit verdreifacht. Das artenreiche Korallenriff ist die Heimat der vom Aussterben bedrohten Pottwale, Walhaie, See- und Karettschildkröten.
In der Slowakei wurden das historische Stadtzentrum von Levoča (Leutschau) und Werke von Meister Paul in Spiš neu in die Welterbeliste aufgenommen. Verzeichnet sind bereits seit 1993 die Kulturstätten Spissky Hrad (Zipser Burg), Spisske Podhrahie (Kirchdrauf) und Spisska Kapitula (Zipser Kapitel).
Weitere Entscheidungen
Das Welterbekomitee hat drei Welterbestätten neu auf die "Liste des gefährdeten Welterbes" gesetzt: das Barrier Riff in Belize, die historischen Kirchen von Mzeheta in Georgien und den Nationalpark Los Katios in Kolumbien. Als nicht mehr gefährdet gilt die Altstadt von Baku in Aserbaidschan (siehe den Artikel "Welterbe in Gefahr").
Das Welterbekomitee hat seit der Verabschiedung der Welterbekonvention 1972 zum zweiten Mal eine Stätte von der Welterbeliste gestrichen. Dem Dresdner Elbtal wurde der Welterbe-Status aberkannt, da durch den Bau der Waldschlösschenbrücke der außergewöhnliche universelle Wert des Dresdner Elbtals zerstört und die Kulturlandschaft in der Mitte zerschnitten werde (siehe dazu den Bericht von Birgitta Ringbeck). Erstmals hatte das Komitee 2007 von der Möglichkeit der Streichung Gebrauch gemacht, als es dem Wildschutzgebiet der arabischen Oryx-Antilope den Welterbetitel entzog. Oman hatte das Schutzgebiet um 90 Prozent seiner Fläche reduziert, um ungehindert Öl fördern zu können.
Die aktualisierte Liste des Welterbes: www.unesco.de/liste-welterbe.html
unesco heute online • Redaktion: Dieter Offenhäußer / Kurt Schlünkes
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